Makroaufnahmen mit dem Balgen

Der Balgen ist eigentlich ein Relikt aus der analogen Fotografie und diente dazu den Nahbereich eines Objektives durch den Auszug des Balgens zu erweitern. Da die meisten Objektive nicht für den Nahbereich gerechnet sind, gab es verschiedene Makroköpfe zum Beispiel von Novoflex. Diese findet man immer noch ab und zu bei Ebay für um die 100 Euro (4,0/105mm). In Verbindung mit dem passenden Balgen lassen sich so im Extremstfall Abbildungsmaßstäbe von bis zu 8:1 erzielen. Das heißt also eine achtfache Vergößerung im Vergleich zu den „normalen“ Makroobjektiven auf dem Markt, die in der Regel 1:1 schaffen. Allerdings hat ein Balgen einen großen Nachteil, je weiter der Auszug, desto weniger Licht kommt an. Es gibt bestimmt Seiten im Internet die das in Blenden ausrechnen können, ich kann nur aus der Praxis berichten, das ein voll ausgezogner Balgen extrem viel Licht schluckt und Aufnahmen ohne Blitz mit reinem Tageslicht dann nicht mehr möglich sind. Denn nicht nur das wenige Licht spielt eine Rolle, auch durch den extremen Vergrößerungsfaktor wird das Bild durch längere Verschlußzeiten nur durch Auslösen der Kamera garantiert verwackelt. Abhilfe schafft da zum Beispiel das Novoflex Makroblitzsystem, welches aus zwei Blitzgeräten besteht, die ein Art Zangenlicht auf das Objekt werfen (siehe Bild). Die extrem schnelle Abbrennzeiten der Blitze von 1/15.000S oder kürzer sorgen für scharfe Bilder. Aber auch mit den heute erhältlichen Blitzen und einem entsprechenden Blitzhaltesystem für die Makrofotografie lassen sich sehr schnelle Blitzzeiten erzielen. Einfach mal bei Novoflex auf die Seite schauen.


Ist ein Balgen heutzutage noch zeitgerecht?

Olympus EM-1 mit Balgen und 2,8/135mm M42

Olympus EM-1 mit Balgen und 2,8/135mm M42

Eine schwierige Frage, eigentlich nicht. Aber………Grundsätzlich ist ein Balgen eine kostengünstige Alternative zu teuren Makroobjektiven, die es einem ermöglichen in die Makrowelt hinein zu schnuppern und zusätzlich extreme Abbildungsmaßstäbe zu erzielen. Die Qualität der Aufnahmen hängt sehr vom gewähltem Objektiv ab, wie schon erwähnt, es sollte ein Makrokopf sein. Aber auch mit allen anderen Objektiven lassen sich passable Aufnahmen erstellen. Für die Tier- und Insektenfotografie sollte man einiges an Wissen und Geduld mitbringen um brauchbare Aufnahmen zu erstellen. Ein weiterer Nachteil ist, dass die Objektive nicht für die hochauflösenden Sensoren der heutigen Kameras gerechnet sind. Man sollte also keine Wunder erwarten was die Qualität angeht.

Einen Balgen mit M42 Anschluß bekommt man schon für um die 50 Euro, ein passendes Objektiv wie z.B. ein 2,8/135mm auch für ca. 50 Euro. Dazu kommt dann noch ein M42 Adapter für das eigene Kamerabajonett und man kann bereits für etwas über 100 Euro loslegen und den Makrobereich erkunden. Wer mehr möchte sollte sich dann über Makroblitzsysteme und Makroköpfe Gedanken machen oder sich gleich ein gutes Makroobjektiv kaufen.


Vergleich Balgen und Makroobjektiv
Ein nicht gerade fairer Vergleich. Denn die Balgentechnik hinkt mit Sicherheit der aktuellen Fototechnik weit hinterher und heutzutage können viele Kameras „Fokus Bracketing/Stacking“ und ähnliche Dinge. Ein älteres Makroobjektiv um die 100mm Brennweite mit Autofokus bekommt man bereits ab 200 Euro. Aber auch hier sollte man keine Wunder erwarten, da die Objektive ebenfalls nicht für hochauflösende Sensoren gerechnet wurden. Ein aktuelleres Sigma 150mm kostet dann auch gleich ab 400 Euro (gebraucht) oder ein Canon 100 mm mit IS um die 500 Euro und so weiter. Die Aufnahmen sind dann aber auch gestochen scharf (wenn man alles richtig gemacht hat :-)).
Ein Balgengerät hat in der Regel keinen Autofokus, was ich persönlich nicht schlimm finde. In der Praxis fokussiere ich das Objektiv auf die Naheinstellgrenze und suche die Schärfe dann durch langsames Vor- und Zurückdrehen des Balgens auf der Einstellschiene. Das ganze sollte natürlich auf einem Stativ stattfinden, da es sonst nahezu unmöglich ist die gefundene Schärfe auch zu halten. Durch das relativ lange dauernde Scharfstellen kann man sich vorstellen, dass ein Balgen nicht unbedingt für bewegte Objekte, wie z.B. laufende Insekten oder ähnliches geeignet ist. Aber für Blüten oder andere Details in der Natur ist es durchaus geeignet, zumindest wenn es nicht windig ist.
Ein Makroobjektiv hat zwar nicht den hohen Vergrößerungsfaktor eines Balgens, jedoch ist es damit deutlich einfacher brauchbare Aufnahmen zu machen. Objekt anvisieren, automatisch scharfstellen, auslösen und fertig. Es erschließt sich damit zwar nicht der extreme Makrobereich, aber auch bei einem Abbildungsmaßstab von 1:1 lassen sich faszinierende Aufnahmen erstellen. Und zu Not läßt sich der Nahbereich mit Zwischenringen ja auch noch erweitern, bei entsprechendem Lichtverlust natürlich.


Vor- und Nachteile Balgen

Vorteile

  • Günstig in der Anschaffung
  • Extreme Abbildungsmaßstäbe sind möglich
  • Spaß an alter Technik

Nachteile

  • Schärfe und Kontrast nicht zeitgemäß, muß bearbeitet werden
  • Schwieriges Scharfstellen
  • Nur mit Stativ möglich
  • Dunkles Sucherbild

Vor- und Nachteile Makroobjektiv (im Vergleich zum Balgen)

Vorteile

  • einfaches Scharfstellen dank Autofokus
  • helles Sucherbild
  • gute Schärfe und Kontrast
  • Auch ohne Stativ nutzbar

Nachteile

  • teuer in der Anschaffung
  • ohne Hilfsmittel „nur“ Abbildungsmaßstab 1:1

Fazit
Meiner Meinung nach lohnt sich die Anschaffung eines Balgengerätes in jedem Fall. Jeder der die 100 Euro über hat, sollte es einfach mal ausprobieren. Nicht nur allein wegen der extremen Abbildungsmaßstäbe, sondern auch um zu Lernen. Denn ein Balgengerät zwingt einen dazu alles langsamer zu machen, man schaut viel öfter durch den Sucher und ändert vielleicht noch einmal den Ausschnitt oder den Standpunkt. Man gestaltet also viel mehr als mit einem Makrobjektiv, welches einem durch das schnelle Scharfstellen und kein Stativzwang oftmals zum „Knipsen“ verleitet.
Probiert es aus!


Beispiele
Nachfolgend einige Beispielbilder und Videos die mit einem alten Balgen und dem Novoflex Makrokopf bzw. einem alten 2,8/135mm entstanden sind. Natürlich nachbearbeitet in Photoshop oder Lightroom.