Spiegellose Kameras M4/3 – Profigerecht oder nur Spielzeug?

Wie meistens in der Fotografie ist die Kamera nur Mittel zum Zweck um seine Vorstellungen eines Motivs für die Mitmenschen festzuhalten. Grundsätzlich ist es dabei zuerst einmal egal, ob es sich um ein Vorkriegsmodell mit Planfilm handelt oder um eine moderne DSLR mit Vollformatchip.
Natürlich erleichtert eine neuere Technik viele Dinge, die Belichtungsmessung erfolgt automatisch, ja sogar automatisch scharf gestellt wird, nicht schlecht 🙂

Jetzt mal ernsthaft: Grundsätzlich kommt es natürlich darauf an, was mit den Aufnahmen geschehen soll. Wir gehen jetzt mal davon aus, dass die Aufnahmen professionell genutzt werden sollen, also für den Druck, für Plakate, Bildagenturen oder sonstige Werbeeinsätze. Auch hier kann wieder differenziert werden zwischen kleinformatigen Abbildungen in Broschüren oder großformatigen Werbeplakaten.

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Canon 50D, 5D MKII und Olympus EM-1

Das MicroFourThird Format erlaubt die Bauweise von kleinen, kompakten Kameras, ohne die Funktionen der Großen zu vernachlässigen, im Gegenteil. Die Funktionen bei einer Olympus aus dem OM-D Bereich erschlagen einen regelrecht, Focus Bracketing, Focus Peaking, Bedienung über APP auf dem Handy und noch Dutzende weitere sehr sinnige Funktionen für den Profi, die in der Regel bei den digitalen Spiegelreflex fehlen oder nur partiell vorhanden sind. Der größte Vorteil ist jedoch die kompakte und leichte Bauweise der Kameras und der Objektive. Zum Beispiel passt meine komplette Olympus E-M1 Ausrüstung in einen wirklich  kleinen Fotorucksack, darin sind auf das Vollformat bezogen Brennweiten von 14 – 600 mm enthalten. Also für jedes Shooting mehr als ausreichend. Die maximale Blendenöffnung der Objektive variiert von 1,8 bis 6,3. Blende 6,3 hat leider das 150-600mm, aber auch im Vollformat ist es bei den Zooms nicht viel anders. Das Sigma oder Tamron Zoom hat die die gleiche Lichtstärke wie das Olympus. Auch für den MicroFourThirds Anschluss gibt es im Telebereich lichtstärkere Brennweiten, wie zum Beispiel das 4,0/300mm (600mm auf VF bezogen). Jedoch liegen wir hier preislich dann auch bei knapp 2.500 Euro, aber immer noch viele Tausend Euro günstiger als z.B. das Canon 4,0/600mm.

Warum dann nicht nur noch mit dem MicroFourThird System fotografieren? Wie schon erwähnt hängt es sehr vom gewählten Einsatzgebiet ab. Ein Werbefotograf der ausschließlich im Studio arbeitet würde nie auf die Idee kommen sich mit dem M4/3 System auseinander zu setzen und wählt das Vollformatsystem. Schließlich muss niemand die Kamera Stunden durch die Gegend schleppen und oft kommt es bei den Motiven auf höchste Detailgenauigkeit an.
Ein Sportfotograf der viel Wert auf einen perfekten nachführenden Autofokus legt, würde das M4/3 System wohl auch eher nicht benutzen, da der Kontrastautofokus der Systeme zwar gut funktioniert, aber noch nicht an den Phasenautofokus der Spiegelreflex ran kommt. Auch der Hybrid Autofokus der EM-1schafft das definitiv nicht!
Für alle anderen Fotografen ist das M4/3 System durchaus geeignet und empfehlenswert. Ob für Portraits oder Hochzeiten, Agenturfotos oder Presse, die Bildqualität und die Schnelligkeit ist mehr als ausreichend.

Ich selber fotografiere seit über 25 Jahren mit dem Canon System und war/bin damit mehr oder weniger zufrieden. Natürlich gibt es immer etwas zu meckern, aber das geht nicht nur den Canon Usern, sondern mit Sicherheit auch den Nikon usw. Usern genauso. Vor gut einem Jahr bin ich durch Zufall im Internet über das Olympus Kamerasystem gestolpert und habe viele positive Reaktionen gelesen. Daraufhin habe ich mir eine gebrauchte Olympus OM-D 5 gekauft und das dazugehörige Kitobjektiv (von dem ich im Vorfeld bereits nicht viel erwartet habe) und noch zwei Festbrennweiten, das 17mm und das 45 mm. Was soll ich sagen, ich war begeistert. Der Fokus saß auf den Punkt, die Schärfe war überwältigend, das Gewicht der Kamera gar nicht zu beschreiben. Immer dabei und man hat es nicht mal gemerkt.

Aber………….. die Bildqualität war mit Sicherheit ausreichend auch für großformatigere Drucke, wenn man allerdings genauer hinsah stieß der Chip der OM-D 5 dann doch bei etwas höheren ISO Zahlen (ab 400) schnell an seine Grenzen. Ein gewisses Grundrauschen, was ich so bei meinen Canon Kameras nicht kannte, war auch bei ISO 100 bereits vorhanden. Da ich vom System an sich aber begeistert war, ließ ich mich dazu hinreißen die EM-1 zu kaufen, das ist das aktuelle Topmodell von Olympus im M4/3 Bereich (Noch, im Dezember 2016 kommt die MKII). Was soll ich sagen, die Bildqualität ist nochmal einen Hauch besser, die Funktionen noch etwas umfangreicher und vor allem das Rauschverhalten sichtbar besser. Schon recht nah dran an einer DSLR mit APS-C Sensor. Auf jeden Fall ist das jetzt meine „Immer-Dabei-Kamera“ und auch für Shootings setze ich sie regelmäßig ein. Die Qualität ist für die meisten Zwecke mehr als ausreichend.
Viele meiner Bilder die ich über Online Agenturen verkaufe sind mit der Olympus EM-1 entstanden. Bisher hat noch keine Agentur die Bilder aufgrund mangelnder Bildqualität abgelehnt, ich denke das spricht für sich. Für die Werbeaufnahmen im Alltag kommt die Olympus auch immer wieder mal zum Einsatz, auch hier hat sich noch kein Kunde beschwert. Ganz besonders aber unterwegs in der Natur möchte ich die Kamera nicht mehr missen, da ich sie einfach gerne mitnehme. Bei der DSLR Ausrüstung würde ich schon überlegen ob ich es mir antue mindestens 15 kg im Fotorucksack durch die Gegend zu schleppen, bei der „Kleinen“ überlege ich erst gar nicht. Einfach mitnehmen und gut. Auch wenn die Bildqualität vielleicht ein klein wenig schlechter ist, besser ein Bild mit etwas geringerer Qualität gemacht, als gar keines.

Kommen wir mal zu ein paar technischen Daten. Die Sensorgröße eines M4/3 Systems ist in etwa nur halb so groß wie eine Vollformat und knapp ein Drittel kleiner als ein APS-C Sensor. Bei einer Auflösung von ca. 20 Megapixel tummeln sich also auf der kleinen Fläche genauso viele Pixel wie bei den größeren APS-C und Vollformatsensoren. Je mehr Pixel auf einer Fläche untergebracht sind, desto schlechter ist logischerweise das Rauschverhalten. Von daher müsste der kleine M4/3 Sensor deutlich schlechter sein. Aber hier kommen dann wieder die andere Faktoren zum Tragen, bei den kleinen Sensoren greift ein ziemlich ausgeklügelter Algorithmus und rechnet für den Fotografen das Bild schön ohne das die Qualtität oder Schärfe sichtbar leidet. Das Ergebnis kann sich in jedem Fall sehen lassen. Sowohl im RAW, als auch im JPG Modus wird das Rauschen dadurch erträglich und somit auch die Aufnahmen für den professionellen Einsatz brauchbar.

Hier einmal die verschiedenen Chipgrößen in der Übersicht (gerundet):

M4/3 17,3 mm x 13 mm
APS-C 25,1 mm x 16,7 mm
Vollformat 36 x 24mm

Durch den kleineren Chip ergibt sich auch der entsprechende Verlängerungsfaktor/Ausschnitt der Brennweiten. Im Vergleich zum Vollformat ist dies der Faktor 2x. Das heißt ein 25mm für M4/3 entspricht dem Bildausschnitt eines 50mm und ein 75-300mm dem eines 150-600mm und so weiter. Aus diesem Grund können die Objektive auch kompakt gebaut werden, insbesondere im Telebereich.

Nachfolgend habe ich vom gleichen Standpunkt aus und mit demselben Objektiv/Brennweite vom Stativ aus mit drei Kameras unterschiedlicher Sensorgrößen Bilder gemacht. Links die 5D MKII mit Vollformat, mittig die 50D mit APS-C Sensor und rechts die Olympus EM-1 mit M4/3 Chip. Alles wurde bei 200mm mit Blende 2,8 fotografiert ohne den Stativstandort zu verändern. Hier kann man sehr schön sehen wie sehr der Ausschnitt des Bildes sich vergrößert, je kleiner der Chip wird.

Vergleich Bildauschnitt Sensoren vom gleichen Standpunkt mit 200mm Brennweite. Zum Vergrößern anklicken.

 

Die Schärfentiefe
Was ist das? Schauen wir mal bei Wikipedia ,dort heißt es:

„Die Schärfentiefe (häufig synonym auch Tiefenschärfe) ist ein Maß für die Ausdehnung des scharfen Bereichs im Objektraum eines abbildenden optischen Systems. Der Begriff spielt in der Fotografie eine zentrale Rolle und beschreibt die Größe des Entfernungsbereichs, innerhalb dessen ein Objekt hinlänglich scharf abgebildet wird.“

Das hat nichts mit der Schärfe oder Qualität eines Objektivs zu tun, sondern mit der Freistellung eines Objektes vor dem Hintergrund. Nehmen wir mal ein klassisches Beispiel, ein Portrait. Der Kopf der Person soll scharf sein, der Hintergrund aber unscharf, damit sich das Hauptmotiv entsprechend vom Hintergrund getrennt ist. Dafür wählt man eine offene Blende, z.B. 1,8. Die Schärfentiefe ist bei offener Blende sehr gering und somit verschwimmt der Hintergrund und wird unscharf. Je größer ein Chip, desto geringer ist die Schärfentiefe, zumindest bei gleicher Brennweite und Blende.
Umgekehrt ist es dann natürlich so, dass je kleiner der Chip ist, desto größer ist auch die Schärfentiefe. Das ist meiner Meinung nach, neben dem Rauschverhalten, auch eines der wenigen Nachteile des M4/3 Systems. Die Schärfentiefe ist größer und somit ist es schwieriger Objekte vor dem Hintergrund freizustellen. Da helfen einem auch keine Objektive mit größerer Blendenöffnung, der Look eines 1,4/50 mm an einer Vollformat lässt sich am M4/3 System nicht erzielen, auch nicht mit Objektiven die extreme Blendenöffnungen haben, wie zum Beispiel das 0,95/50mm. Dafür hat die größere Schärfentiefe im Makrobereich wieder Vorteile. Wie schon erwähnt, der Einsatzbereich bestimmt das System.

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Schärfentiefevergleich, Kleinbild, APS-C und MFT Sensoren


Der Bildstabilisator
Ein weiterer großer Vorteil von einigen M4/3 Modellen ist der integrierte Imagestabilisator direkt in der Kamera. Hier wird die Verwackelung nicht mit Hilfe eines Stabilisators im Objektiv ausgelichen, sondern direkt auf Sensorebene. Um mal bei der Olypus EM-1 zu bleiben, der 5-Achsenstabilisator in der Kamera leistet ganze Arbeit, ich konnte mit ruhiger Hand und einer 1/30 s bei umgerechnet 600mm absolut brauchbare Aufnahmen machen, für die normalerweise 1/500 s oder mehr nötig gewesen wären. Auch wenn es nicht immer so extrem sein muss, mit einer 1/125 s gelingen einem bei 600mm eigentlich immer scharfe Aufnahmen, vorausgesetzt natürlich das Motiv hält still. Dafür gibt es noch keine Lösung 🙂

Fremdobjektive adaptieren
Ebenfalls von Vorteil ist die dadurch kompakte und kostengünstige Bauweise von Objektiven, da kein Stabilisator verbaut werden muss. Noch interessanter ist aber der Einsatz von Fremdobjektiven durch Adapter. Im M4/3 System gibt es eigentlich kein Kamerabajonett welches sich mit Adapter nicht nutzen lässt. Ob nun M42 oder Yashica, es gibt etliche Objektivschätze aus alten Zeiten die sich so nutzen lassen und durch den integrierten Kamerastabilisator sind diese auch mit längeren Zeiten nutzbar. Allerdings sind nicht alle älteren Objektive für die hohe Auflösung eines modernen Sensors geeignet, da die Objektive damals „nur“ für Negativ oder Dia gerechnet wurden. Empfehlenswert sind zum Beispiel diverse Zeiss Objektive. Wenn ich mal Zeit habe, stelle ich mal eine liste von brauchbaren Objektiven zusammen.

Ich könnte jetzt noch viele Seiten über die Vor- und Nachteile des M4/3 Systems schreiben, aber um mal zum Ende zu kommen nachfolgend mein Fazit.

Fazit
Das M4/3 System ist nicht nur für Amateure geeignet, auch für den Profibereich hat es seine Daseinsberechtigung. Wie schon erwähnt muss man Abstriche machen im Vergleich zum Vollformat, diese sind aber gering. Wer die Nachteile des Systems kennt, kann diese auch nutzen und wird damit Aufnahmen machen können, die mit einer schwerfälligen Vollformatausrüstung so nicht möglich sind. Von daher kann ich nur jedem empfehlen sich mit diesem System einmal auseinanderzusetzen und zu überlegen ob es nicht sinnig wäre das M4/3 System parallel zu seiner Vollformat oder APS-C Ausrüstung zu nutzen.

Vorteile
– geringes Gewicht
– relativ günstige, aber qualitativ hochwertige Objektive
– vielfältige Einstellungsmöglichkeiten
– oft in der Kamera integrierter Imagestabilisator
– sehr schnell
– optischer Sucher zeigt das reele Bild

Nachteile
– hohe Schärfentiefe
– schlechteres Rauschverhalten
– Trefferqoute bei nachführendem Autofokus
– schlechteres Image bei Fotoshootings aufgrund der Größe